Simone Dorra, Ingrid Zellner: Ein Lied in der Nacht. Band V der Kashmir-Saga

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Vandam
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Simone Dorra, Ingrid Zellner: Ein Lied in der Nacht. Band V der Kashmir-Saga

Beitrag von Vandam »

Simone Dorra, Ingrid Zellner: Ein Lied in der Nacht. Band V der Kashmir-Saga, Hamburg 2020, Tredition, ISBN 978-3-3471-5578-7, Softcover, 496 Seiten, Format: 16,99 x 2,57 x 24,41 cm, Buch: EUR 19,99, Kindle: EUR 4,99.

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Ein Wiedersehen mit guten Freunden
Wenn man die Kashmir-Saga von Anfang an verfolgt, ist jeder neue Band wie ein Wiedersehen mit guten Freunden. Es fängt ja auch immer sehr harmonisch und idyllisch an. Ja, denkt man, nach all den alptraumhaften Jahren, die hinter den befreundeten Ehepaaren Sandeep und Sharma liegen, haben sie es verdient, vom Leben ein bisschen verwöhnt zu werden.

Es ist ein spätes Glück, denn erst, als sie um die 50 waren, haben sich die Paare gefunden, und in jener Zeit ist auch ihre Freundschaft entstanden. Finanzielle Sorgen haben sie nicht, es ist also kein Problem, mal schnell mit der Kernfamilie von Srinagar/Kashmir nach Pune/Maharashtra zu reisen um die Freunde zu besuchen.

Das Waisenhaus, das Ex-Soldat Vikram Sandeep zusammen mit seiner Frau Sameera, einer Trauma-Therapeutin, in Srinagar, betreibt, hat einen guten Ruf und wird auch nicht mehr von externen Kräften bedroht. Es ist eine kleine, familiäre Einrichtung und man hat eher den Eindruck, die Sandeeps haben ein Dutzend Pflegekinder, die nun nach und nach flügge werden und Berufs- und Heiratspläne schmieden.

Glück ist zerbrechlich
Der Bewährungshelfer und Ex-Knacki Raja Sharma hat in Pune eine trubelige Großfamilie, die ständig noch größer wird, zumal er sie großzügig um Freunde in (der) Not erweitert. Immer wieder kommt man bei der Erwähnung eines Namens ins Grübeln: Ist das jetzt sein Sohn und oder ihrer aus erster Ehe? Ach, nein, das ist einer der Freunde, die sie in einer Krisensituation aufgesammelt haben und die jetzt zur Familie gehören. Raja Sharma bezeichnet ja auch Vikram als seinen Bruder. Er ist überhaupt sehr extrovertiert und emotional und genießt das Leben, weil er weiß, wie fragil das Glück sein kann.

„Ich habe das alles, Vikram. Ich habe meine [Schwester] ... und dich (...) und meinen Raja. Und dazu meine Kinder und Enkelkinder. Mein Gott, Vikram – wie reich hat der Himmel mich gesegnet! Ich bin eine glückliche Frau.“ (Seite 123) – Wann immer eine Romanfigur so etwas sagt, weiß man als Leser*in: gleich kracht’s! Und tatsächlich: Die Familie Sharma erleidet einen schweren Schicksalsschlag, von dem sie sich dank der enormen Unterstützung von Verwandten und Freunden erstaunlich schnell zu erholen scheint.

Wen dieses Unglück psychisch aus der Kurve trägt, ist Vikram. Das kommt überraschend. Weil er so ruhig und verschlossen ist und schon so viel Schlimmes überstanden hat, denkt man, er sei der Fels in der Brandung und nichts könnte ihn aus dem Gleichgewicht bringen. Stimmt nicht. Er entwickelt Verlustängste und handelt zunehmend irrational. Die Freundschaft zum Sharma-Clan bekommt erste Risse. Nicht einmal Vikrams Frau scheint zu wissen, was genau mit ihm los ist. Selbst wenn: So ein sturer alter Militärschädel würde sich doch um keinen Preis der Welt in Therapie begeben, selbst wenn er noch so dringend Hilfe bräuchte!

Moussa erkennt seinen Peiniger wieder
Dann geschieht etwas, das persönliche Probleme in den Hintergrund rücken lässt: Moussa, einer der Jungs aus dem Waisenhaus, erkennt auf einem Zeitungsfoto einen Kinderschänder wieder. Es ist ein hochrangiger Politiker. Den wollen Vikram und Raja auf jeden Fall aus dem Verkehr ziehen und zapfen dafür ihr weitreichendes Netzwerk an. Die Politikerin Najiha Kamaal, der unkonventionelle IT-Spezialist Hasim Abbas und Colonel Nanda Singh von der indischen Abwehr werden für diese Mission eingespannt. Bald stellt sich heraus, dass sie nicht nur einem Einzeltäter sondern einem ganzen Kinderschänderring auf der Fährte sind. Die Spuren führen nach Pune und über Kerala bis nach Delhi. Und wie das so ist: Wenn man im Müll stochert, scheucht man die Ratten auf. Frau Dr. Lakshmi Shetty von der Klinik in Srinagar hat bald alle Hände voll zu tun, die Held*innen immer wieder zusammenzuflicken.

Bald zahlt sich aus, dass Vikram darauf bestanden hat, seine Ehefrau in Selbstverteidigung zu unterrichten. Die Therapeutin, die ins Land gekommen ist, um zu retten und zu heilen, lernt jetzt notgedrungen zu kämpfen und zu schießen.

Soldat und Chaot in geheimer Mission
Als es schließlich hart auf hart kommt und eine Konfrontation in großem Stil ansteht, zeigt sich wieder mal, wie unterschiedlich die Freunde Vikram und Raja sind. Vikram, der routinierte Soldat, will, dass der Einsatz nach bestimmten Regeln abläuft. Er hat einen Plan und erwartet, dass alle Beteiligten sich daran halten. Raja hat’s aber nicht so mit Plänen. Selbst, wenn er ernsthaft in Erwägung zöge, ihnen minutiös zu folgen, würde er es wahrscheinlich nicht schaffen. Er ist ein Meister der spontanen, kreativen Problemlösungen. Das ist Segen und Fluch zugleich.

Es ist spannend, wie die Freunde die Täter ausspionieren und versuchen, ihnen das Handwerk zu legen. Es ist überdies erstaunlich, mit welchen Themen sich die Autorinnen dafür im Vorfeld beschäftigt haben müssen. (Wo lernt man bitte die Sache mit den Schlössern?) Doch bei aller Tragik und Dramatik gibt’s immer wieder menschliche und humorvolle Einschübe, damit die Geschichte nicht allzu düster wird. Wie die zwei alten Herren dem schlampigen Computernerd Hasim auf die Sprünge helfen, das hat schon komödiantische Züge. Der Grundton jedoch ist ernst.

Unbewältigte Vergangenheit
Mitnichten haben Vikram und Raja ihre schlimme Vergangenheit aufgearbeitet. Sie haben sie bestenfalls verdrängt. Ein kleiner Anlass genügt und alles kocht wieder hoch. Vikram zeigt meiner Laienmeinung nach Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung und Raja ist völlig von der Rolle, als ihm bewusst wird, was sein guter Freund während der aktiven Militärzeit für schreckliche Dinge getan hat. Das hat man ihm zwar alles erzählt, aber erst bei diesem Einsatz wird ihm klar, was das wirklich bedeutet. „Henker, Mörder, Folterknecht“ – das war nicht nur so dahingesagt. Und damit hat Raja, der selbst auch keine weiße Weste hat, ein heftiges Problem.
Kommt es jetzt zum endgültigen Bruch zwischen den zwei Freunden? Vor dieser Frage tritt die Geschichte um die Kinderschänder fast ein wenig in den Hintergrund.

Wie Raja und Vikram mit diesen Ambivalenzen auf lange Sicht umgehen können, wird sich erst mit der Zeit weisen – im nächsten Band also. Ich setzte da meine Hoffnung in die Autorinnen, denn die Reihe lebt vom Wechselbad der Gefühle: Harmonie und Freundschaft auf der einen und Gewalt und Chaos auf der anderen Seite. Ohne die sympathischen Familiengeschichten und das ganze Drumherum mit Kochen und Feiern und dem Kleinkindergewusel wäre die Reihe „nur“ ein finsterer Thriller mit politischem Hintergrund. Allzu viel Anlass zum Optimismus gibt die Lage in Kashmir ja nicht. Raja und seine ebenso liebenswerte wie unübersichtliche Sippe werden dringend gebraucht, denn sonst fehlt zu den Intrigen, Rachephantasien und Gewaltorgien das Gegengewicht. Also, Jungs: Kriegt euch gefälligst wieder ein!

Unterhaltung vom Feinsten
Auf sieben Bände ist die Reihe angelegt. Das sind ja nur noch zwei! Ich weiß gar nicht, was ich machen soll, wenn die Kashmir-Saga fertig erzählt ist. Ich hab mich so sehr an die Romanhelden gewöhnt, dass es mir nicht mal mehr auffällt, dass sie fortwährend Begriffe in Hindi, Arabisch, Urdu, Farsi oder Englisch einstreuen. Ich schau nur noch in Ausnahmefällen hinten im Glossar nach, was das genau bedeutet. Wie sie’s meinen, wird ja aus dem Zusammenhang klar.

Was ich sehr zu schätzen weiß, ist das Personenverzeichnis. Auch wenn ich es längst aufgegeben habe, Rajas Enkelschar auseinanderhalten zu wollen, komme ich manchmal mit den Namen der Nebenfiguren ins Schleudern („Was will denn der Computerspezl von der Haushälterin? Die ist doch mit dem Hausmeister verheiratet! – Ach nee, das ist eine andere.“).

Kurz und gut: Unterhaltung vom Feinsten. Alles ist drin: Liebe und Freundschaft, Rache und Hass, Zerstörung und Heilung ... das ganze Leben eben.

Die Autorinnen
Simone Dorra wurde 1963 in Wuppertal geboren, machte eine Ausbildung zur Buchhändlerin und arbeitete mehrere Jahre als kirchliche Radio-Redakteurin für den Privatfunk. Sie ist verheiratet, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Autorin von bislang drei Büchern im Silberburg-Verlag Tübingen. Als begeisterter Fan von Indien und Kashmir schrieb sie DAS HAUS DES FRIEDENS als Soloprojekt und setzte es gemeinsam mit ihrer Co-Autorin Ingrid Zellner zu einer Serie in insgesamt sieben Bänden fort, die in den Jahren 2017 bis 2022 erscheinen werden. www.simonedorra.de

Ingrid Zellner, geboren 1962 in Dachau. Studium der Theaterwissenschaft, der Neueren deutschen Literatur und der Geschichte in München. 1988 Magisterexamen. Dramaturgin 1990 bis 1994 am Stadttheater Hildesheim und 1996 bis 2008 an der Bayerischen Staatsoper München. Veröffentlichung von Romanen, Krimis, einem Kinderbuch, Kurzgeschichten, Theaterstücken, CD-Booklet-Texten und Artikeln. Freiberufliche Tätigkeit u.a. als Übersetzerin (Schwedisch) sowie als Schauspielerin, Regisseurin und Autorin. www.ingrid-zellner.de, www.kashmirsaga.de
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